Dunganen

Zorn auf das „böse Volk“

Ethnische Spannungen schlummerten offenbar über Jahrzehnte in Kasachstan. Nach dem Machtwechsel im vergangenen Jahr brechen sie nun häufiger offen aus. In Masantschi in Südkasachstan gab es Tote.

Dunganen
Eine steht in Masantschi vor einem abgebrannten Haus. | Foto: Ainur Chaliolla

Rot-weiß gestreifte Schlagbäume, Männer mit Stahlhelmen und schusssicheren Westen signalisieren: Hier geht es nicht weiter. Wer dieser Tage in den Ort Masantschi im Süden Kasachstans will, hat es schwer. Spezialeinheiten kontrollieren die Zufahrtsstraßen in die Kleinstadt, wo es kürzlich zu schweren Ausschreitungen kam. Manche sprechen gar von Pogromen.

Elf Tote, fast zweihundert Verletzte und Tausende Menschen auf der Flucht: Das ist die Bilanz der Nacht vom 7. auf den 8. Februar. Etliche Häuser wurden zerstört. Die Bilder aus Masantschi erinnern an ein Kriegsgebiet. Für die kasachische Regierung ist der Zusammenstoß das Resultat eines „alltäglichen Konflikts“. Dass die Angreifer vor allem Kasachen und die Opfer mehrheitlich Dunganen waren, wurde von offizieller Seite zunächst bewusst verschwiegen.

Nacht der Unruhe

Auslöser der Ausschreitungen sollen zwei Zwischenfälle am Vortag gewesen sein. Sie klingen so irrational wie politisch belanglos. Demnach hatten Dunganen eine Straße blockiert. Eine kasachische Familie, die auf dem Weg zum Arzt war, kam nicht durch. Bei der anschließenden Auseinandersetzung wurde ein 78-jähriger Kasache verletzt. Aus Sicht der Kasachen haben ihn die Dunganen krankenhausreif geprügelt. Die Dunganen behaupten hingegen, dass der Kasache nur unglücklich hingefallen sei. Die später hinzugerufenen Polizisten sollen dann ebenfalls von Dunganen angegriffen worden sein. Eine weitere Version der Dunganen lautet, dass ein betrunkener Kasache eine junge Duganin sexuell belästigt habe.

Am Abend des 7. Februar soll dann ein Mob aus fast tausend Kasachen nach Masantschi gekommen sein, der Menschen verprügelte und Autos und Häuser anzündete. Die Unruhen weiteten sich auf die Nachbardörfer aus. Erst am Morgen des 8. Februar konnte ein Großeinsatz der Polizei die Ausschreitungen stoppen. Derweil flohen vor allem Frauen und Kinder in das benachbarte Kirgisistan. Offizielle Stellen sprechen von knapp 24 000 Flüchtlingen. Mittlerweile sollen jedoch 21 000 zurückgekehrt sein. In der gesamten Region wurde der Notstand ausgerufen.

Dunganen sind Muslime, die nach blutig niedergeschlagenen Aufständen im 19. Jahrhundert aus China nach Zentralasien flohen. Ihre Sprache ist dem Mandarin ähnlich. Sie leben mehrheitlich im Südosten Kasachstans und im Norden Kirgisistans entlang des Grenzflusses Tschui. In Masantschi sowie den Nachbarorten Sortobe und Auchatty machen sie etwa 90 Prozent der Einwohner aus. Insgesamt leben in Kasachstan mehr als 62 000 Dunganen. Bei einer Bevölkerung von 18 Millionen Menschen sind das gerade einmal 0,3 Prozent.

„Dunganen lügen“

An dem Kontrollpunkt auf der Straße nach Masantschi wird jedes Auto angehalten. Ausweiskontrolle. In den Tagen nach den Ausschreitungen sind etliche Journalisten – auch ausländische – in die Region gereist. Bisher gab es keine Probleme. Doch an diesem Tag bringt die Diskussion mit den Beamten nichts. Weder die offizielle Akkreditierung noch die Drohung mit einer Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft beeindrucken sie. Die Journalisten müssen umkehren.

Durch die Bezirkshauptstadt Qordai, etwa 50 Kilometer von Masantschi entfernt, verläuft die Fernstraße, die Kasachstans größte Stadt Almaty mit der kirgisischen Hauptstadt Bischkek verbindet. Links und rechts gibt es ein paar Läden und Cafés. Qordai liegt direkt an der Grenze. Die meisten Reisenden kennen den Ort nur als vorbeiziehende Häuserkulisse.

Eine Kantine im hinteren Teil eines kleinen Einkaufszentrums: An einem der rot-grünen Tische sitzt ein Mann, Mitte-Ende 30, Jogginghose, blauer Pullover, auf dem das Logo eines deutschen Automobilherstellers prangt. Er erkennt die Journalisten sofort als Ausländer. Weder seinen Namen noch seinen Beruf will der Mann nennen. Von den Auseinandersetzungen hat er natürlich gehört, und ist sich sicher: Die Dunganen lügen. Für ihn sind sie ein »böses Volk«, das sich vorm Militärdienst drücke, Frauen vergewaltige. Die ganze Aktion sei geplant gewesen, meint er, Frauen und Kinder schon im Vorfeld weggeschickt worden, damit sich die Männer prügeln konnten. Ob er denn persönlich einen Dunganen kenne? »Nein«, antwortet er und murmelt im Rausgehen noch, dass er ein kasachischer Patriot sei. Eine junge Frau mit rosa gefärbten Haaren am Nebentisch, die dem Vortrag schweigend zugehört hat, stimmt dem Mann nickend zu.

Hundertschaften der Polizei sichern Masanchi. | Foto: Ainur Chaliolla

Relativer Wohlstand schürt Neid

Dunganen gelten als wirtschaftlich erfolgreich. Sie leben vor allem vom Handel, aber auch dem Schmuggel von Waren. Diese verkaufen sie in den größeren Städten. In Almaty wurde am Wochenende nach den Ausschreitungen der größte Markt der Stadt geschlossen – offiziell aus hygienischen Gründen. In den Stadtvierteln, wo besonders viele Dunganen leben, waren auffallend viele Polizisten unterwegs.

In Kasachstan, das wirtschaftlich schwächelt, scheint der relative Wohlstand der Dunganen Unmut zu schüren. Das sieht auch Tolganai Umbetalijewa so. Sie leitet die Zentralasiatische Stiftung für Demokratieentwicklung in Almaty. Die Büroräume teilt sie sich mit einer politischen Stiftung aus Deutschland. Auf dem Tisch im Konferenzraum stehen Kaffee und Kekse bereit. »Die Kasachen glauben, dass ihnen das Land gehöre, und ihnen die anderen Ethnien allein deshalb Respekt zollen müssten, weil sie die Titularnation sind«, sagt Umbetalijewa. Für die Analystin ist klar, dass es sich bei dem Vorfall in Masantschi um einen interethnischen Konflikt handelt. »Für die Regierung ist es einfacher zu behaupten, es handele sich um Streit unter Nachbarn. So kann sie ihn auf lokaler Ebene lösen. Würden die Machthaber zugeben, dass es einen Konflikt zwischen Kasachen und Dunganen gibt, müssten sie die Verantwortung auf nationaler Ebene übernehmen.«

Tatsächlich wurden auf kommunaler und Gebietsebene Gouverneure und Polizeichefs ausgetauscht. In der Hauptstadt Nur-Sultan reift hingegen nur langsam die Einsicht, dass man den ethnischen Charakter der Ausschreitungen nicht unter den Teppich kehren kann. Bisher wurden 50 Menschen festgenommen und erste Strafverfahren eingeleitet. Am 14. Februar erklärte der Minister für Information, dass »die Behörden die Schuldigen nicht in Kasachen und Dunganen einteilen – alle sind Bürger Kasachstans und gegenüber dem Gesetz gleichermaßen verantwortlich«.

Nicht der erste Konflikt

Laut Verfassung sind die Kasachen die »staatsbildende Ethnie«. »Nur leider weiß keiner, was genau das bedeuten soll«, sagt Umbetalijewa. Sie ist selbst ethnische Kasachin und stammt aus dem Gebiet, zu dem auch Masantschi gehört. »Die Kasachen glauben, sie sollten gegenüber den anderen Ethnien bevorzugt werden.« Schon seit Längerem lässt sich in Kasachstan ein zunehmender Nationalismus beobachten.

Doch unter dem im vergangenen Jahr zurückgetretenen Präsidenten Nursultan Nasarbajew galt das Credo der »interethnischen Eintracht«. Immer wieder hat der Staatschef, der das Land fast 30 Jahre lang regierte, betont, dass die mehr als 100 Ethnien im Land friedlich zusammenleben. Dabei ist Masantschi nicht der erste größere Konflikt zwischen Kasachen und den Angehörigen von Minderheiten: 2007 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Kasachen und Tschetschenen, 2015 zwischen Kasachen und Tadschiken. Nachdem im Dezember 2018 ein Kasache bei einer Prügelei mit einem Armenier gestorben war, demonstrierten mehrere Hundert Nationalisten für eine Bestrafung des Täters.

Ruhe nach dem Sturm

Ainur Chaliolla war wenige Tage nach den Ausschreitungen in Masantschi. Die junge Fotografin berichtet von einer hohen Polizeipräsenz im Ort. »Alles war unter Kontrolle.« Auf den Straßen seien jedoch nur wenige Einwohner unterwegs gewesen. »Frauen und Kinder habe ich fast gar nicht gesehen«, erinnert sie sich. Die Dunganen, mit denen sie gesprochen hat, hätten bisher keine Probleme mit Kasachen gehabt. »Alles sei gut gewesen. Sie geben auch jetzt den Kasachen keine Schuld daran, was passiert ist. Dafür haben sie oft betont, dass alles nach Allahs Willen geschehe«, erzählt Chaliolla.

In der Grenzstadt Qordai ist alles ruhig. Schwerbewaffnete Polizisten fallen jedoch auch hier auf. Der Taxifahrer, der die Journalisten nach Masantschi fahren sollte, ist irritiert vom Verhalten der Beamten. Auf der Rückfahrt erzählt er, dass er noch Anfang der 1990er in der Sowjetarmee in Schwerin gedient habe. »Hier ist alles schlecht«, fasst er zusammen. Er würde Kasachstan am liebsten verlassen und nach Deutschland auswandern.

Erschienen am 19. Februar 2020 im „Neuen Deutschland„.