ETV+

Estland bietet Alternative zum russischen Staatsfernsehen

Jeder vierte Einwohner in Estland gehört zur russischen Minderheit. Lange gab es auf Russisch aber nur das Staatsfernsehen aus Moskau. Seit anderthalb Jahren hat nun das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Estland seinen eigenen russischsprachigen Kanal etabliert.

Wie soll man in Zeiten von Fake-News und Desinformationen mit russischer Propaganda umgehen? Diese Frage beschäftigt die baltischen Staaten schon länger. Während Lettland und Litauen auf Verbote setzen, geht Estland einen anderen Weg und hat sein eigenes russischsprachiges Fernsehprogramm gestartet. Seit September 2015 ist ETV+ auf Sendung. Der Kanal gehört zum estnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ERR und sendet täglich 24 Stunden auf Russisch.

„ETV+ war anfangs überhaut nicht willkommen“, sagt Chefredakteurin Darja Saar. Vor allem habe man gegen Vorurteile ankämpfen müssen. „Wir sind weder ein estnischer Propagandasender noch die Stimme des Kremls“, betont sie. Insbesondere bei Themen wie der Ostukraine versuche man, neutral zu berichten und immer beide Seiten darzustellen.

Die Zielgruppe des neuen Senders sind die rund 300.000 ethnischen Russen, die in Estland leben und ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Der Ukraine-Konflikt war ausschlaggebend für die Gründung von ETV+. Seit der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges in der Ostukraine 2014 sind die Balten Russland gegenüber besonders misstrauisch: Schließlich war ein Argument von Präsident Putin, dass man die russische Minderheit schützen müsse.

Dennoch hat sich der Sender bisher kaum durchsetzen können. Im März lag der Marktanteil von ETV+ bei 0,6 Prozent, der seines größten Konkurrenten PBK bei 5,2 Prozent. PBK (Pervij Baltiskij Kanal) ist ein Ableger des vom Kreml finanzierten Ersten Kanals und seit 2002 in Estland, Lettland und Litauen zu empfangen. „PBK hatte 13 Jahre, um Kompetenzen und Strukturen aufzubauen und das Publikum erreichen. Da müssen wir erst noch aufholen“, sagt Saar.

Nikita Lumijoe kann verstehen, dass es ETV+ schwerfällt, mit PBK zu konkurrieren. „Russische Sender bieten mehr Unterhaltung.“ Der Student, der selbst russischsprachiger Este ist, findet es gut, dass er Informationen und Nachrichten über Estland auf Russisch erhält und es mit ETV+ nun eine Alternative zu PBK gibt. Er versucht, sich aus verschiedenen Quellen zu informieren. Doch damit gehört er zur Minderheit. „Fernsehen ist Gewöhnungssache, und die Menschen ändern nicht gerne ihre Gewohnheiten“, meint er.

Dem schließt sich auch ETV+-Chefredakteurin Saar an. Ihr Konzept: Die Zuschauer in das Programm einbinden. „Wir haben Shows, in denen junge Menschen ihr Talent als Moderator entdecken können, oder in denen wir die Zuschauer auf Reisen durch Europa schicken.“ Auch Erfolgsserien wie „Sherlock“ kauft Saar ein. Mit den 4,4 Millionen Euro, die 2017 im Staatshaushalt vorgesehen sind, sind die Mittel jedoch begrenzt.

Andrey Makarychev erforscht an der Universität Tartu den Einfluss russischer Medien in Europa. „Russische Propaganda geht in Estland nicht so weit, um die russischsprachigen Esten für bestimmte Aktionen zu mobilisieren, wie es in Deutschland im Fall Lisa war“, meint er. Allerdings werde Estland in Kreml-kontrollierten Medien überwiegend negativ dargestellt. Russische Onlinemedien nutzen vor allem die Flüchtlingskrise für sich, auch wenn sie sich dabei widersprechen. „Esten werden einerseits als radikale Nationalisten dargestellt, die Migranten gegenüber skeptisch sind“, sagt Makarychev. Andererseits werde das kleine Estland als Opfer der einwanderungsfreundlichen EU-Politik gezeigt.

ETV+ versucht, diesem Bild entgegen zu wirken. Ein wichtiger Punkt ist dabei die Zusammenarbeit mit anderen Sendern. So gibt es alle paar Monate eine „Telebrücke“ mit dem lettischen Fernsehsender LTV7. Aber auch mit einigen russischen Sendern arbeitet ETV+ zusammen. Ursprünglich war sogar ein gemeinsamer baltischer Sender im Gespräch. Doch daraus wurde bisher nichts.

Obwohl es eigentlich wenig Sinn habe, ein russischsprachiges Programm für nicht einmal eine halbe Million Menschen zu produzieren, gibt Saar zu: „Bisher haben wir kaum direkt mit unseren Kollegen in Lettland kommuniziert, weil das Interesse gefehlt hat.“ Eigentlich habe man auf russischsprachigen Fernsehsendern nur durch kremlnahe Medien etwas über das Nachbarland erfahren. „Interessanterweise beginnen wir nun durch die russische Sprache miteinander zu reden und uns für einander zu interessieren“, sagt sie.

Der Artikel erschien am 13. Juni 2017 auf ostpol.de.

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