Lockdown

Nach den Lockerungen kommt der Lockdown

In Kasachstan schießen die Coronazahlen in die Höhe. Nun hat die Regierung als erste weltweit einen zweiten landesweiten Lockdown verhängt.

Die zweite Welle ist da und hat Kasachstan überrollt – mit tausenden neuer Coronapatienten. Es sind so viele, dass Krankenhäuser überfüllt sind, Medikamente knapp werden und Testlabore kaum nachkommen. Nun hat die Regierung einen zweiten Lockdown verhängt und die Quarantänemaßnahmen verschärft, um die Situation zu stabilisieren.

Dabei hatte sich das Leben gerade erst wieder normalisiert. Mitte Mai waren die Wochen der Polizeikontrollen und Ausgangssperren endlich vorbei. Doch trotz der Lockerungen war Corona weiterhin präsent: durch Desinfektionstunnel vor Einkaufszentren, die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr und Plexiglashelme, die die Kellner in den gerade wiedereröffneten Restaurants trugen. Die Wachsamkeit hielt allerdings nicht allzu lange an. Wozu sich auch vor etwas schützen, das nach Meinung vieler Kasachstaner gar nicht existiert? Das Plexiglas wich locker getragenen Masken. Viele verzichten mittlerweile komplett auf sie.

Präsident Qassym-Schomart Toqajew hatte die Kasachstaner immer wieder vor einem zu laxen Umgang mit den noch geltenden Coronaregeln gewarnt. Doch Worte reichen in einem Land, wo soziale Nähe eine ganz andere Bedeutung hat als in Deutschland, nicht aus. Abstandhalten ist nicht üblich. Im Gegenteil: Wer zum Beispiel beim Schlangestehen um Distanz bittet, wird mit Unverständnis angeschaut.

Jetzt kommt die Quittung. Seit gestern sind Geschäfte erneut geschlossen, der Nah- und Fernverkehr wurde begrenzt und Treffen wurden auf maximal drei Personen beschränkt. Die Maßnahmen sind bei weitem nicht so streng wie im Frühjahr, als selbst Sport im Freien verboten war. Doch es ist ein Warnschuss. Für die nächsten zwei Wochen steht das neuntgrößte Land der Erde wieder unter Quarantäne. Eine Verlängerung ist nicht ausgeschlossen.

Dabei hatte Kasachstan die Coronakrise im Frühjahr gut überstanden: Die Fallzahlen blieben moderat; das schwache Gesundheitssystem kam mit der Anzahl an Patienten gut zurecht. Nun kursieren im Internet Videos aus Krankenhäusern, wo Menschen in den Fluren auf dem Fußboden liegen. Die Zahl der Infektionen ist in die Höhe geschossen: von rund 5500 Mitte Mai auf mittlerweile fast 45000. Kasachstan hat knapp 19 Millionen Einwohner. Im Juni versuchte die Regierung die Statistiken zu schönen: Sie nahm Infizierte ohne Symptome einfach aus der Gesamtzahl heraus und wies diese extra aus.

In den sozialen Medien mehrt sich Kritik. Warum war die Regierung nicht besser auf die unausweichliche zweite Welle vorbereitet? Warum hat man nicht mehr Quarantänestationen errichtet? Warum nicht mehr Tests eingekauft? Es sind Fragen, die sich Präsident Toqajew gefallen lassen muss. Zumal sich auch etliche Mitglieder seiner Regierung mit Covid-19 angesteckt haben.

Das prominenteste Beispiel ist Nursultan Nasarbajew. Der frühere Präsident ist mittlerweile wieder gesund. Für ihn kommt der Lockdown zum ungünstigsten Zeitpunkt: Er feiert heute seinen 80. Geburtstag. Der Tag ist in Kasachstan ein Feiertag, der jedes Jahr groß begangen wird. Diesmal ist die Party abgesagt.

Der Text erschien am 6. Juli 2020 im Neuen Deutschland.