Chinas süß-saure Hilfe für Tadschikistan

Hohe Arbeitslosigkeit, kaum Perspektiven, Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern: Tadschikistans wirtschaftliche Probleme sind gravierend. Das macht sich nun China zu Nutze.

Murgab ist ein trostloser Ort. Keine Stadt, die zum Verweilen einlädt. Die Straßen sind staubige Schotterpisten, der Basar besteht aus einigen rostigen Containern, der Handyempfang ist schlecht – sofern überhaupt vorhanden. Nachdem eine Flut 2015 den Staudamm des Wasserkraftwerkes zerstört hatte, brach die Stromversorgung für die 7.000 Einwohner komplett zusammen. Erst vor einigen Monaten konnte das Kraftwerk wieder in Betrieb genommen werden – mit deutscher Hilfe.

Murgab liegt in der ärmsten Region Tadschikistans, nahe der chinesischen Grenze, und steht exemplarisch für die Abhängigkeit des zentralasiatischen Landes von ausländischen Geldgebern. Die ehemalige Sowjetrepublik ist das drittärmste Land Asiens. 33,5 Millionen Euro flossen 2016 und 2017 im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit nach Tadschikistan. Zur Reparatur des Staudamms in Murgab gab die Bundesrepublik 7,4 Millionen Euro, erzählt Andreas Schneider, der seit einem Jahr das Büro der KfW Entwicklungsbank in der Hauptstadt Duschanbe leitet. Die Bank engagiert sich vor allem in den Bereichen Gesundheitswesen und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung.

Schneider bewertet die allgemeine wirtschaftliche Lage als sehr ungünstig: „Der private Wirtschaftssektor stagniert, vor allem das Banken- und Finanzwesen.“ Investitionen aus dem Ausland ziehe das Land kaum an. Das liege an der Rechtsunsicherheit, aber auch an anderen Standortfaktoren. 93 Prozent des Territoriums sind Gebirge, fast die Hälfte des Landes liegt auf als 3.000 Metern Höhe, erklärt der Experte. Viele Gegenden, wie zum Beispiel Murgab, sind nur schwer erreichbar. Außerdem leidet das Land noch immer unter den Folgen des Bürgerkriegs, der von 1992 bis 1997 herrschte.

Die schlechte ökonomische Lage sorgt dafür, dass viele Tadschiken ihre Heimat verlassen und ihr Glück in Russland oder Kasachstan suchen. Dort landen sie wegen schlechter Russischkenntnisse und mangelnder Qualifizierung allerdings meist im Niedriglohnsektor. Dennoch wäre es ohne die Migranten noch schlechter um die tadschikische Wirtschaft bestellt: Laut Angaben der Weltbank machen die Überweisungen aus dem Ausland rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Dabei hat das Land eigentlich Potenzial. Die größten Chancen liegen für Schneider im Bereich Wasserkraft: „Die in den Wasserkraftwerken gewonnene Energie könnte Tadschikistan noch viel mehr in die Nachbarländer Afghanistan und Usbekistan exportieren.“ Doch auch Bodenschätze wie Gold und seltene Erden finden sich hier. Auf genau die hat es nun China abgesehen.

Etwa 1,3 Milliarden US-Dollar hat Peking Tadschikistan geliehen. Mit dem Geld wurden Schulen, Straßen und Tunnel gebaut. „Das ist fast die Hälfte der gesamten Auslandsverschuldung Tadschikistans“, sagt der Politikwissenschaftler Aziz Egamov von der US-amerikanischen Georgetown-Universität. „Das sorgt für Abhängigkeiten Der Einfluss Chinas hat dramatische Ausmaße angenommen.“

Tatsächlich hat sich eine chinesische Firma bereits die Abbaulizenzen für zwei Goldminen gesichert – für die nächsten 30 Jahre. Eine der Lizenzen gab es im Austausch für den Bau eines Wärmekraftwerks in der Hauptstadt Duschanbe. Im Oktober erhielt ein weiteres Unternehmen die Rechte zur Erschließung eines großen Silbervorkommens in der Nähe von Murgab. Schon jetzt stauen sich LKW aus dem Reich der Mitte vor der Stadt. „Alles um die Schulden zu bezahlen“, erklärt Egamov und warnt, dass der Einfluss Chinas nicht bei Gold und Silber aufhöre. „Peking hat bereits Militärposten an der tadschikisch-afghanischen Grenze erreichtet.“

Um weniger auf ausländische Hilfe angewiesen zu sein, müsste die Wirtschaft dringend diversifiziert werden, meint Schneider von der KfW Entwicklungsbank. „Vor allem der Servicebereich müsste ausgebaut werden und die Qualität der Ausbildung steigen.“ Die Umsetzung von Reformen und die Bekämpfung der Korruption stellen das Land vor große Herausforderungen. „Ich sehe kleine Fortschritte und Erfolge in Tadschikistan, aber der Weg ist noch lang“, resümiert er.

Der Text erschien am 15. November 2019 im „Neuen Deutschland

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  1. […] aufmerksam die Zensoren arbeiten, sondern auch wie abhängig Tadschikistan vom Ausland ist. Das ärmste Land des postsowjetischen Raums hat ein schwaches Gesundheitssystem, das einem massenhaften Ausbruch des […]

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