Danijar Usenow

Totgesagte leben länger

Danijar Usenow flüchtete nach einem politischen Umsturz 2010 aus Kirgistan und starb später angeblich im Exil. Nun soll der Ex-Premierminister des zentralasiatischen Staats in Belarus aufgetaucht sein.

Nicht schlecht staunte man in Kirgistan am Tag nach den belarussischen Präsidentschaftswahlen, als der offizielle Wahlsieger Alexander Lukaschenko ein Zentrum für Biotechnologie besuchte. Da tauchte doch an der Seite des Minsker Alleinherrschers ein altbekanntes Gesicht auf, nämlich das von Danijar Usenow. Der war einst Premierminister in Kirgistan, floh jedoch nach dem Regierungsumsturz von 2010 aus dem Land. Heute leitet Usenow besagtes Biotechnologiezentrum, etwa eine Stunde südöstlich von Minsk entfernt. Nur dass Usenow nicht Usenow sein soll. Die bela­russischen Staatsmedien nennen ihn Daniil Uritskij. Vor zwei Jahren war er erstmals öffentlich aufgetaucht. Einem belarussischen Journalisten, der Uritskijs Identität hinterfragte, zeigte dieser seinen belarussischen Pass. Dem Reporter gegenüber soll er gesagt haben: „Ich habe gehört, dass Danijar Usenow, Premierminister von Kirgisistan, 2013 in Malaysia gestorben ist.“

In Kirgistan wurde der flüchtige Ex-Regierungschef vor einigen Jahren in Abwesenheit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Kirgistan forderte erfolglos seine Auslieferung. Und noch ein Kirgise sucht den Schutz Lukaschenkos: Der bis 2010 amtierende Präsident Kurmanbek Bakijew flüchtete ebenfalls nach Belarus. Er soll mittlerweile die belarussische Staatsbürgerschaft angenommen und sich in der Nähe von Minsk niedergelassen haben. Wie Usenow wurde auch Bakijew in Abwesenheit wegen der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste in Bischkek, bei denen vor zehn Jahren Dutzende Menschen ums Leben kamen, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Sein Bruder Schanybek Bakijew, Ex-Chef des staatlichen Personenschutzes, erhielt das gleiche Strafmaß. Er soll sich ebenfalls in Belarus aufhalten. Bisher hat sich das Land geweigert, die Bakijews auszuliefern. Sollte Lukaschenko stürzen, ist es fraglich, ob die beiden ehemaligen Spitzenpolitiker in ihrem Exil bleiben können. Und wer weiß, wem Belarus` Präsident noch so Unterschlupf geboten hat?

Erschienen am 27. August in der Moskauer Deutschen Zeitung.